Samstag, 26. März 2016

Depressionen?

Depressionen gehören zu den häufigsten und hinsichtlich ihrer Schwere am meisten unterschätzten Erkrankungen. - schreibt die Stiftung Deutsche Depression und trotzdem ist diese Erkrankung in unserer Gesellschaft immer noch ein Tabu Thema. Wir haben Angst diese Erkrankung zuzugeben, wollen sein wie alle anderen glücklichen Menschen dabei erkrankt jeder fünfte Bundesbürger einmal im Leben an einer Depression. Mindestens einmal. Es kann uns alle treffen und wir schweigen es dennoch tot. Wir haben Angst davor plötzlich ausgeschlossen zu werden, ausgelacht und reduziert zu werden.

Ich bin der Meinung, dass die Gesellschaft diese Erkrankung nicht mehr so streng sehen sollte und genau deswegen möchte ich heute darüber schreiben. Ich habe lange darüber nachgedacht, habe es immer als große Last mit mir rum getragen aber eins kann ich sagen: es tut gut darüber zu reden! Ich selbst bin seit einigen Jahren betroffen und habe immer mal wieder eine schwere Depression. Ich wollte es nie wahr haben, habe immer gedacht, dass hängt mit meiner Pubertät zusammen. Ich und Depressiv? Nein! Bis ich gemerkt habe, dass meine Depressionen Ängste heranzüchten und mir mein Leben als sehr schwer gestalten. Ich konnte nicht mehr regelmäßig zur Schule gehen. Die Leute redeten deshalb viel hinter meinem Rücken, sie wussten nicht was los ist. Ich hatte Angst vor den Reaktionen meiner Mitschüler wenn ich nach langer Zeit mal wieder zur Schule gegangen bin, deshalb blieb ich dann doch oft Zuhause. Ich redete mich schlecht. Reduzierte mich. Verzichtete auf meine Jugend. Ich wollte nicht die Welt Kennenlernen die meine Freundinnen gerade im zarten Alter von 14 Jahren kennen lernten. Ich suchte Sicherheit im Pferdestall, verbrachte meine Tage nach der Schule dort. Jeden Tag. 3 Jahre lang. Hier hatte ich das Gefühl aufgefangen zu werden, nicht nachdenken zu müssen und mich nicht anstrengen zu müssen, dass ich es jedem recht mache.


Meine erste richtig schwere Depression hatte ich im Alter von 16 Jahren. Depressionen kann man nicht beschreiben, jeder erlebt sie anders. Ich habe nicht an Suizid gedacht. Dennoch wollte ich schnell genug aus der Depression rauskommen, wollte meinem Alltag entfliehen, meinem Leben. Ich kam nicht aus meinem Bett, selbst das Zähne putzen, duschen oder auf die Toilette gehen war ein Kampf mit mir selbst. Ich hatte keine Kraft mich zu bewegen. Mein Körper tat mir weh. Ich habe kein Essen runterbekommen. "Wenn du nichts essen kannst, dann trinke bitte wenigstens genug" sagte meine Mutter bestimmt 50 000x am Tag zu mir. Sie machte sich Sorgen. Meine Schwester machte sich Sorgen. Mein Stiefvater, meine Großeltern. Alle machten sich Sorgen. Ich wollte nicht, dass es ihnen wegen mir schlecht geht und dadurch ging es mir noch schlechter. Ein Teufelskreis aus dem man nicht leicht rauskommt. Ich vegetierte auf meinem Bett. Ich bekam nicht mit, wie meine Mutter zwischendurch in meinem Zimmer gelüftet hat, wie sie meine Hasen gefüttert oder ausgemistet hat. Ich habe nicht mitbekommen, dass mein Zimmer sauber gemacht wurden ist. Ich starrte den ganzen Tag aus dem Fenster und wunderte mich wie schnell es draußen wieder dunkel geworden ist. Nachts plagten mich Selbstzweifel. Immer dann wenn das Haus ruhig geworden ist, wenn die ganze Welt zur Ruhe kommt und man Zeit zum nachdenken hat. Ich wollte endlich glücklich sein, endlich ein Leben führen indem ich mich nicht so fühle als sei ich schon 80 Jahre alt und hätte mindestens 3x die Welt umrundet. Zufuß. Natürlich. Dazu einen Rucksack mit 120kg Steinen auf dem Rücken. Ich bin 16 Jahre alt und habe das Gefühl alt gewesen zu sein.


Aber nach jedem tief kommt auch wieder ein hoch und so schaffte ich es mit eigener Kraft aus dieser Depression. In den nächsten Monaten hatte ich nur kleine Phasen in denen es mir alles andere als gut ging. Mit 18 Jahren kam die nächste schwere Depression und ich meisterte sie nicht mehr alleine. Meine Angst war zu groß, dass ich mir selbst was hinzufüge. Ich hatte Angst vor mir selbst. Hatte mich nicht mehr unter Kontrolle. Ich suchte mir Hilfe. Nahm mir eine Auszeit und verbrachte meinen Sommer in einer Klinik. Die beste Entscheidung meines Lebens. Ich bekam Medikamente, viele Therapien und Eindrücke. Ich lernte mir Zeit für mich zu nehmen, auf meinem Körper zu hören und Stärke zu bekommen. Keiner wollte mir glauben, dass ich unter Depressionen leide. Ich habe in all den Jahren die perfekte Mauer aufgebaut um meine Depressionen zu verstecken. Um mich selbst zu verstecken und eine glückliche Jasmin zu sein. 4 Wochen lang war ich in einer anderen Welt, in einer besseren bis ich wieder nachhause kam.



Heute bin ich fast 21 Jahre alt, habe bereits meinen zweiten Klinik Aufenthalt hinter mir. Unzählige Gespräche mit meinem Psychologen, meiner Familie, meinen engsten Freunden, meinem Herzensmenschen und selbst betroffenen. Ich habe gelernt zu 100% auf meinem Körper zu hören, nicht auf meine Umwelt. Ich habe gelernt nur das zutun was mir gut tut, nicht dass was meine Umwelt gerne hätte. Immer noch stoße ich auf Unverständnis. Ich habe gelernt damit umzugehen. Ich habe gelernt Selbstbewusster zu sein, mehr Selbstsicherheit zu haben. Ich habe gelernt "Nein" zu sagen ohne ein schlechtes Gewissen zu haben und ich habe gelernt offen über meine Krankheit zu reden, denn ich bin der Meinung das es definitiv kein Tabu Thema ist! Auch bei mir gibt es mal schlechte Tage aber ich habe gelernt damit umzugehen. Habe gelernt einen Ausweg zu finden und mich nicht weiter hineinzusteigern und alles schlimmer zu machen. Jetzt kann ich sagen, dass ich weiß wie es sich anfühlt wenn man glücklich ist. Ich bin glücklich. Ich fühle mich innerlich so frei wie noch nie und weiß teilweise nicht wohin mit meiner Energie.

Everything will be okay in the end. If it`s not okay, it`s not the end. 
1 Kommentar on "Depressionen?"
  1. Liebe Jasmin
    vielen Dank für deine offenen Worte, du sprichst mir aus der Seele, ich wünsche dir alles Liebe und ganz viel gute Energie.

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