Montag, 16. Mai 2016

Kopfsache: Das bin wirklich ich?

In der rechten Hand habe ich meinen Koffer. In der linken Hand meine Kulturtasche. Ich folge dem langen Gang. Ich sehe schon von weiten mein Auto und freue mich, dass ich der Klinik den Rücken kehren kann. Das fühlt sich gut an. Nein! Ich fühle mich gut. Ich bleibe stehen und atme tief ein. "Hallo Welt, ich bin jetzt frei. Zeige mir deine Abenteuer" denke ich mir und gehe zu meinem Auto..

Das hier war mein zweiter Klinik Aufenthalt innerhalb von 2 Jahren. Die Quote finde ich akzeptabel. Es gibt definitiv Patienten die ihr halbes Leben in diesen Kliniken verbringen. Meine Zimmernachbarin war ganze 152 Tage dort und das nicht zum ersten mal. Ein Mitpatient war 16x in der Klinik bevor er sagen konnte, dass es ihm gut geht. Ich sage mir immer wieder, dass ich nicht noch einmal hier her kommen möchte. "Alle guten Dinge sind drei" - in diesem Fall reichen mir die zwei und ich erlaube mir den Spruch nur für mich umzuwandeln: "Alle guten Dinge sind zwei".

5 Monate später 
Ich mache wahnsinnige Fortschritte. Ich erkenne mich manchmal selbst nicht wieder. Das wirft mich manchmal aus der Bahn. Es ist das ungewohnte. Wenn ich ehrlich bin, dann gefällt mir dieses "neue" Leben. Ich bin jeden Tag auf der Jagd. Auf der Jagd nach neuen Fortschritten. Ich möchte sie bewusst spüren, wahr nehmen und abspeichern. Ich habe das erste mal in meinem Leben das Gefühl von Sicherheit. Ich kenne mich und meinen Körper nun ziemlich gut und weiß wie ich verschiedene Situation einzuschätzen habe und wie ich diese am besten angehe. Ich kann Dinge gut auseinanderhalten und mich vom negativen gut distanzieren. Ich bin so viel fröhlicher, offener. Mir bringt es neuerdings Freude wenn ich neue Leute kennenlernen. Ich stehe plötzlich gerne vor einer Gruppe von Menschen und halte einen Vortrag. Ich bin selbstsicherer. Ich habe gelernt mich auf mein Wohlbefinden zu verlassen und diesem auch zu folgen. 


Manchmal liege ich auf meinem Sofa und fange an zu lächeln weil ich stolz auf mich bin und mich gleichzeitig frage ob ich das wirklich bin? Ich habe mich hier nie gesehen. Ich habe nie gedacht, dass ich einmal offen über meine Depressionen spreche und zu ihnen stehe. Ich habe nie gedacht, dass ich ohne einen Therapeuten meine Probleme selbst in die Hand nehmen kann und einen Weg finde damit umzugehen bzw. diese zu verarbeiten. Ich habe niemals gedacht, dass ich einen Anflug von meinen Depressionen selbstständig zur Seite schieben kann und ihnen keinen Raum gebe sich auszubreiten. Selbst in meinen Träumen habe ich mich nie dort gesehen wo ich heute stehe und come on, träumen tut man viel. Ich erinnere mich noch ganz genau daran wie oft ich zu meiner Mama gesagt habe, dass ich endlich glücklich sein möchte. Ich möchte mich nicht wie eine 90 jährige alte Frau fühlen sondern wie eine 20 jährige junge Frau. Und ich kann nach 7 Jahren endlich sagen: Ich fühle mich leichter und bin endlich richtig glücklich. 


"Everything will be okay in the end.
If it's not okay, it's not the end"
Kommentare on "Kopfsache: Das bin wirklich ich? "
  1. Weiter so! toll, dass Du es überstanden hast und darüber schreibst!

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    1. Wenn ich ehrlich bin, dann hilft es mir wirklich sehr viel darüber offen zu schreiben und meine Erfahrungen mit anderen zu teilen. Der ein oder andere leidet auch unter Depressionen und mich freut es, wenn ich diesen betroffenen mit meinen Texten weiter helfen kann :)

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  2. Ich bin stolz auf dich. Danke, dass du das mit uns geteilt hast.

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    1. Das mache ich gerne! Ich hoffe, ich kann den ein oder anderen mit meinen Worten stärken. Danke :)

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  3. Danke, dass du diese Gedanken geteilt hast. Sie machen wirklich Mut.

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    1. Das freut mich wahnsinnig zu hören, danke! :)

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  4. Immer schön sowas zu lesen! Seine Probleme darf man nicht im inneren Verstecken, und sich selbst darf man auch nicht verstecken. Du tust beides nicht und siehst, welchen riesigen Unterschied das macht, offen mit seinen Ängsten umzugehen. Davon können noch viele Menschen was lernen.

    Du klingst wie jemand, der das Leben sehr zu schätzen weiß.
    Weiter so! :)

    Liebe Grüße
    Robby

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    1. Danke für dein Kommentar!
      Ich habe es eine Zeitlang versteckt und wollte darüber mit niemanden reden, weil ich schlechte Erfahrungen bezüglich Mobbing gemacht habe. Ich wollte den Leuten keinen Raum geben um über mich negativ zu reden.

      Bis ich aber gemerkt habe, dass ich das los werden will und anderen Leuten von meinen Problemen erzählen möchte und ich wurde definitiv eines besseren belehrt. Ich hätte niemals gedacht so ein positives Feedback zu bekommen und dass es mir doch so gut gehen würde danach.

      Danke, danke, danke :)

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