Donnerstag, 14. Juli 2016

Diese verdammte Angst

Ich finde es paradox: Wir leben in einer Zeit, in der man sein Schlafzimmer, den neuen Lace-BH oder ein Morgen-Selfie postet, aber regelmäßig etwas von sich preiszugeben, wird zur intimsten Sache überhaupt. Wir ziehen uns zwar schon mal vor jemanden aus, den wir über eine App kennengelernt haben, mit unseren Gefühlen blank zu ziehen, empfinden wir allerdings als die größte Entblößung. Damit würden wir uns nur verletzlich und schwach zeigen - und das will heute niemand mehr sein.

Anstatt dessen verrenken wir uns lieber in kryptischen WhatsApp-Nachrichten. Geißeln uns mit Warten und Nicht-schreiben. Im So-tun-als-ob. Schau mal, das macht mir alles gar nichts. Emoticon. Schreibt. Online. Schreibt. Keine Antwort. Es ist eben immer noch einfacher, jemandem auf Instagram zu folgen, als ihm zu sagen, dass man ihn mag. Und wenn alles vorbei ist, dann gib dem Anderen ja nicht die Genugtuung des Entfolgens - damit würdest du nur zeigen, dass es dir etwas ausmacht. Das du fühlst. Dass es dir nicht egal ist. Und das können wir mittlerweile fast besser als Gefühle teilen. Uns gegenseitig zeigen, wie egal wir uns sind. Ach, das war doch gar nichts. Ach, das war doch nur Spaß. Das bedeutet doch nichts. Tut mir leid, wenn du dachtest. Ich kann gerade nicht. Ich hänge noch an. Ich muss jetzt mal.

Wo oft zwar kein Platz mehr für ernstgemeinte Fragen, ehrliche Antworten und ein echtes ,,Du fehlst mir" ist, passt immer noch ein Face-Swap rein. Also sei schon du selbst, aber bitte die entspanntere, beschäftigtere und weniger verliebte Variante von dir. Auch, wenn es in dir vielleicht ganz anders aussieht. Und fordere ja nichts vom Anderen. Man kann eben nichts mehr erwarten. Was erwartest du denn? Was bedeutet heute überhaupt noch etwas? Also halten wir einmal mehr die Klappe. Weil wir so Angst haben. Angst davor, den Anderen zu vergraulen.


Aus Angst halten wir uns zurück - mit Worten, Taten, mit Gefühlen, vor allem aber mit uns selbst. Das ist natürlich klug, weil man dann, wenn es vorbei ist, nicht so tief fallen kann. Und dass es mit großer Wahrscheinlichkeit vorbeigeht, hat uns doch schon die Vergangenheit gezeigt. Wir haben gelernt: Jeder muss auf sich selbst aufpassen, weil das sonst niemand mehr tut. Daraus resultiert, dass wir uns alle nicht mehr wirklich vertrauen. Dass wir obwohl wir innerlich ,,Ja" schreien, ,,vielleicht" sagen. Oder einfach gar nicht mehr zurückschreiben.

Wir denken: Wer nur ein halbes Herz riskiert, wer nur mit einem Fuß in der Verliebtheits-Tür steht, der kann nichts verlieren. Oder zumindest nicht ganz so viel. Etwas gewinnen kann man so aber auch nicht. Denn was soll denn dabei herauskommen, wenn wir alle nur noch als halbherzige Spätantworter herum irren? Vielleicht liegt genau hier das Problem mit dem Verlieben heute: Dass sich niemand mehr schwach zeigen möchte. Dabei bedeutet doch genau das zu lieben  - schwach sein. Und es ist nichts Schlimmes daran. Ganz im Gegenteil. Ich glaube, der der seine Ängste und Gefühle ganz offenlegt, der hat gar nichts mehr zu verlieren.

Wie wäre es also, wenn wir wieder anfangen würden, mehr Acht aufeinander zu geben? Ein bisschen weniger Egal-sein und ein bisschen mehr ,,Es macht mir nichts aus". Das schützt natürlich nicht vor eventuellen Verletzungen, aber zumindest vor Kopfgespenstern abends im Bett, vor dem minütlichen Checken des Handydisplays und vielleicht ja auch vor der Angst. Vor dieser verdammten Angst.
Kommentare on "Diese verdammte Angst"
  1. Wow! Ich sitze tatsächlich hier mit Tränen in den Augen. Dieser Text ist einfach wunderschön geschrieben - nicht nur das: all deine Worte sind wahr. Und das ist irgendwo traurig, oder? Traurig, dass die meisten ihre Gefühle verstecken. Ich möchte dir danken für diesen Beitrag und hoffe, dass dieser Post von ganz ganz vielen gelesen wird! Danke Jasmin! <3
    Ich lass dir ganz liebe Grüße da,
    Tina von http://www.freckledrebell.de

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    1. Danke Tina für dein Kommentar!
      Mich freut es sehr, wenn ich Menschen mit meinen Texten erreiche.

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