Freitag, 8. Juli 2016

Über Beziehungsangst

Es gibt Menschen, in die verliebt man sich ganz normal, mit denen hat man normal-gesunde Beziehungen und ebenso normal-dramatische Trennungen (die natürlich schweißweh tun, aber irgendwann in Ordnung sind). Und dann gibt es Menschen, die sind wie Drogen. Von Anfang bis zum Schluss und manchmal noch viel länger. Mit denen fühlt es sich eher nach ,,fall in love" an. Man ist süchtig nach diesen Menschen. Weil sie einen immer wieder herziehen und wegschubsen. Weil sie einem in besonderen Momenten zeigen, was alles möglich wäre, aber diese kleine Welt niemals zum Dauerzustand wird.

Vernünftige Menschen, die einen gesunden Selbstschutz haben, steigen an diesem Punkt (hoffentlich!) aus. Blöd nur, dass ich ganz viele vernünftige Menschen kennen, die diesen Zirkus mitmachen oder mitgemacht haben. Denn jetzt fängt man in der Regel an zu kämpfen. Man strampelt und strampelt, um wieder in diese Welt zu kommen. Versucht zu gefallen, versucht noch besser auszusehen, noch klügere Dinge zu sagen, noch mehr für den Anderen da zu sein, noch mehr Verständnis zu zeigen, weil man denkt: Dann! Dann sieht der Andere mich endlich. Dann verlieben wir uns endlich richtig und die kleine magische Welt, in die ich bisher nur Einblicke bekommen durfte, wird endlich ganz.


Das ist natürlich Bullshit. Zuerst einmal, weil jeder schon toll und gut ist, wie er ist. Weil jeder das große Glück haben wird, jemanden zu treffen, der einen sieht. Und der das, was er sieht, mag. Von Anfang an. Ohne abmühen und kämpfen überzeugen müssen. Aber man ist eben verliebt und macht diese ganzen Dinge mit. Dinge, die ungesund sind und einem nicht gut tun. Dabei ist übrigens interessant sich selbst einmal zu fragen, in was man eigentlich verliebt ist: Ist es wirklich die andere Person und die mehr oder weniger kaputte Beziehung, die man mit demjenigen hat oder eher die Vorstellung und der Wunsch, wie es sein könnte?

Zum Anderen, ist es Bullshit an ein ,,Dann!" zu glauben, weil Beziehungsängstliche ganz einfach nicht anders können. Man kann eben ihnen zum perfekten Supermenschen mutieren, sie werden einen nicht sehen und dauerhaft in ihre Welt lassen. Sie können nur Nähe zulassen, wenn der Andere das gerade nicht möchte oder kann. Man kämpft also ganz vergeblich, weil ein dauerhaftes, gesundes Miteinander niemals, niemals möglich ist.

Beziehungsangst ist ja ein Begriff, mit dem nur so um sich geworfen wird. Jeder hat mittlerweile irgendwie Angst vor Beziehungen. Es war also nie einfacher, diese ernstzunehmende Angst so einfach zu verstecken. Denn heute haben die wenigsten Menschen noch ,,normale" Beziehungen - heißt: gesund, monogam und glücklich. Heute kann man sich als Beziehungsängstlicher hinter vielen tollen Sätzen verstecken, wie ,,Ich komme alleine besser klar", ,,Ich bin noch nicht soweit", ,,Ich will gar keine Beziehung" oder auch ,,Ich weiß es nicht".


Das Gefährliche an diesen Menschen ist, dass man nie ein ,,Ja", aber auch kein ,,Nein" bekommt. Und das möchte man schaffen: Das endgültige Ja. Deshalb sind diese Beziehungen auch so wahnsinnig aufregend und dramatisch. Man denkt, man war noch nie verliebter. Dabei war man noch nie süchtiger. Man verzehrt sich nach dem Anderen und seiner ,,Liebe", weil man nie alles auf Dauer bekommt.

Wie bei einer Droge, an der man nicht kaputt gehen möchte, kann man hier nur eines tun: Aufhören. Ganz. Auch, wenn es unfassbar schwer ist. Und wie bei einem Enzug sollte man versuchen, nicht zu viel über diese Menschen nachzudenken. Sie verstehen sich selbst nicht, es wird einem also nicht gelingen, sie zu verstehen. Und sie werden sich nicht ändern, schon gar nicht, wenn man es von ihnen erwartet. Was man dagegen tun sollte: Alles, was einem gut tut und ablenkt. Rausgehen, in den See springen, mit Freunden dasitzen, bis es viel zu spät ist. Ja, und manchmal hat man dann das große Glück jemanden Tolles zu treffen, der einen mag. Von Anfang an.
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