Freitag, 20. Januar 2017

Die erste Nachricht

Und da ist sie dann plötzlich - die erste Nachricht seit der Trennung. Steht einfach ungefragt auf deinem Bildschirm. Und man hätte es eigentlich ahnen können, dass es genau jetzt passiert, denn natürlich kommen diese ersten Nachrichten immer dann, wenn man überhaupt nicht mit ihnen rechnet. Das scheint so eine Art Gesetzgebung bei Trennung zu sein. So wie es garantiert passieren wird, dass du den Anderen genau dann triffst, wenn du es mal einen halben Tag geschafft hast, nicht mehr an ihn zu denken. Und höchstwahrscheinlich nicht am aller tollsten aussiehst.


Ein Name, ein kleiner Schreck, ein bisschen Herzklopfen beim Öffnen. Die Zeilen liest du derart schnell runter, dass du gar nicht weißt, was eigentlich drin steht. Also noch einmal lesen und noch einmal. Ein weiteres Gesetz: Diese Nachricht wird dich kurz zurückwerfen. Ganz egal, wie stabil du davor warst. Vielleicht wird sie ein altbekanntes Gefühl wieder hervorbringen und du weißt plötzlich wieder, wie es sich anfühlt, auf den Anderen wütend zu sein. Wie es ist, wegen ihm traurig zu sein. Außer sich zu sein. Im ungünstigsten Fall wirst du ihm wieder sehr nah kommen - und wissen, wie es sich anfühlt, diesen Menschen zu lieben. Das kommt natürlich auch sehr auf den Inhalt an. In so einer ersten Nachricht kann eben potenziell auch alles stehen. Dafür gibt es keinerlei Gesetze oder vorgespeicherte SMS-Entwürfe. Von ,,Ich liebe dich immer noch" bis ,,Ich werde heiraten!" ist erst einmal alles möglich. Und dementsprechend groß ist auch die Aufregung.

Nach dem Lesen hat man drei Möglichkeiten: Gar nicht zu antworten, ganz ehrlich zu antworten, wie man sich wirklich fühlt oder die Version von sich antworten zu lassen, die schon über allem steht. Viele Menschen raten ja, dass man bevor man etwas schreibt, aus dem sich all die Wut und Verletzung herauslesen lässt, lieber gar nicht schreibt. Generell sind das auch die Nachrichten, die man später bereut. Manchmal nur zweieinhalb Minuten später. Wenn es allerdings hilft und irgendetwas besser macht, dann sollte man das machen. Ich bin eher dafür, die Gefühle immer bei dem Menschen abzuladen, der sie ausgelöst hat. Und was soll all der falsche Stolz - vor allem jetzt zum Schluss. Es war doch nie egaler, was der Andere denkt.


Es ist aber auch gemein. Erste Nachrichten können heute jederzeit - um vier Uhr morgens betrunken auf dem Nachhauseweg, auf einer langweiligen Zugfahrt oder während dem Familienfest, auf dem man sich dann doch ein bisschen einsam fühlt, getippt werden. Es ist so einfach. Niemand muss mehr den Mut haben, eine Nummer zu wählen. Niemand muss sich mehr wirklich mit dem Anderen konfrontieren. Denn da von wütenden, verletzten, traurigen oder beleidigenden Antworten in der Regel abgeraten wird, bekommt der Andere, wenn er überhaupt eine Antwort bekommt, ein positives bis neutrales Feedback. Zudem kann man stundenlang überlegen, was man denn nun wie zurückschreibt. Das ist natürlich eine absolut verfälschte Reaktion. Und so bleibt jeder heute irgendwie alleine mit seiner ersten Nachricht - egal, ob man Verfasser ist oder Empfänger. Und damit natürlich auch mit den Gefühlen, die sie ausgelöst hat.
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